Saragossa – die römische Stadt Caesaraugusta

Schon immer hat mich die Geschichte des römischen Weltreiches fasziniert. Die iberische Halbinsel hat dabei in so vielen Momenten eine wichtige Rolle gespielt – von hier aus startete Hannibal seinen einzigartigen Heerzug nach Italien, hier kämpften die Legionen Caesars und Pompeius im römischen Bürgerkrieg, von hier stammten die ruhmreichen Kaiser Hadrian und Trajan und der berühmte Schriftsteller und Philosoph Seneca, der Erzieher Kaiser Neros.

Auch wenn Saragossa, das einstige Caesaraugusta, nicht die Bedeutung von Tarraco oder Corduba erlangte, den beiden Hauptstädten der iberischen Provinzen Hispania Ulterior und Hispania Citerior, freue ich mich doch bei meinen Besuchen dieser faszinierenden Stadt immer wieder darauf, mich in ihre römische Vergangenheit hinein zu versetzen – den Anfang einer über 2000 jährigen Stadtgeschichte.

Die Gründung von Caesaraugusta

Endlich – aus römischer Sichtweise – konnte im Jahr 16 v. Chr. der römische Feldherr Marcus Vipsanius Agrippa seinem Imperator Augustus die erfolgreiche Eroberung der gesamten iberischen Halbinsel melden. Die Kantabrer waren von ihm schon in einem lang andauernden Krieg im Jahr 18 v. Chr. besiegt worden und nun hatten seine Legaten auch die letzten verzweifelten Widerstände gegen die römische Herrschaft in Galläkien und Asturien niedergeschlagen.

Statue des Augustus in Saragossa

Statue des Augustus in Saragossa

Für Augustus war nun die Zeit gekommen, die neu gewonnene und an Bodenschätzen so reiche Provinz endgültig zu romanisieren und zu sichern; je schneller die einheimische Bevölkerung in den eroberten Gebieten die römische Lebensweise annehmen würde, umso stabiler würde die römische Herrschaft werden.

Und so reiste der Imperator selbst in den Jahren 15-14 v. Chr. auf die iberische Halbinsel und gründete zahlreiche Kolonien und Städte, in denen die entlassenen Veteranen der am Krieg beteiligten Legionen Land zugewiesen bekamen. So entstanden Bracara Augusta (Braga) und Lucus Augusti (Lugo) in Galläkien, Asturica Augusta (Astorga) in Asturien und Iuliobriga (nahe Reinosa) in Kantabrien.

Die Colonia Caesaraugusta wurde im Jahr 14 v. Chr., möglicherweise anlässlich des 50. Geburtstages des Imperators, dem 23. September, offiziell gegründet. Auch wenn in unserer Zeit Archäologen schon erste römische Bauten, so die Strukturen eines Portikos, eines kleinen Tempels und auch eine Markthalle, entdeckten, die bereits um 40 – 30 v. Chr. errichtet wurden, markiert doch dieses Datum den Beginn der eigentlichen Stadtgeschichte.

Nun wurden hier vor allem Veteranen der X. Legion (Gemina), der VI. Legion (Victrix) und der IV. Legion (Macedonia) angesiedelt und die bestehende Bebauung beträchtlich erweitert. Ein Portico mit einer doppelten Säulenreihe entstand, der Tempel wurde beträchtlich vergrößert, eine Curia (Rathaus) und ein Forum errichtet und viele Geschäfte und Ladenlokale für die wachsende Bevölkerung erbaut.

Legionäre der IV. Legion (Macedonia) errichteten den Muel-Staudamm, der zur Wasserversorgung der Stadt diente und in den Jahren 8-7 v. Chr. bauten Legionäre auch eine Straße, die Saragossa mit der an der Mittelmeerküste entlang führenden Via Augusta verband.

Das römische Theater

Caesaraugusta wurde eine der Hauptstädte der sieben von Augustus neu geschaffenen Verwaltungsbezirke der römischen Provinz Hispania Citerior (Tarraconensis) und ihrer Bedeutung gemäss war natürlich auch ein Theater schon in augusteischer Zeit Bestandteil der Stadtplanung. Sein Bau begann aber erst zur Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14 – 37 n. Chr.) begonnen und vollendet wurde es schließlich unter der Regierung des Kaisers Claudius (41 – 54 n. Chr.).

Römisches Theater in Saragossa

Römisches Theater in Saragossa

Es wurde eines der größtenTheater auf der iberischen Halbinsel; der Durchmesser des halbrunden Zuschauerbereichs betrug über 100 m und auf seinen ansteigenden Sitzreihen konnten etwa 6000 Zuschauer den Aufführungen zusehen. Seine Mauern und Sitzbänke waren aus Alabaster.

Fast dreihundert Jahre lang war das Theater wohl einer der kulturellen Mittelpunkte der prachtvollen Römerstadt Caesaraugusta. Dann jedoch, in der großen Reichskrise des III. Jahrhunderts, als plündernde Barbarenheere sogar bis tief nach Spanien in das römische Reich einfielen, war eine wirksame Verteidigungsbereitschaft der Stadt wichtiger als Vergnügen und sorgenlose Freizeitgestaltung. Die mächtigen Steinquader, aus denen das Theater gebaut worden war, dienten nun zur Verstärkung der Stadtmauern, die die Bewohner der Stadt vor Überfällen und Plünderungen schützen sollten.

Und so verschwand das einstmals so prächtige Gebäude langsam aus dem Stadtbild, bis sich wohl niemand mehr an seinen einstigen Standort erinnern konnte.

Dann jedoch, fast 2000 Jahre nach seiner Erbauung, führte der Zufall zur Wiederentdeckung seiner in der Erde verborgenen Ruinen.

Ausgangspunkt dieser wundersamen Wiederentdeckung war die Heimkehr des „Patio de la Infanta“ in die Stadt; diesen Prunksaal im Stile der aragonesischen Renaissance hatte sich einst der im 16. Jahrhundert in Saragossa lebende Kaufmann Gabriel Zaporta in seinen Stadtpalast bauen lassen. Nachdem dann im Jahr 1902 der französische Antiquitätenhändler Friedrich Schulz diesen Kunstschatz für gerade einmal 17.000 Peseten erworben und ihn in Paris in seinem Haus aufbewahrt hatte, kaufte ihn dann im Jahr 1958 die spanische Bank Ibercaja für 3 Millionen Peseten zurück.

Als man nun im Jahr 1974 mit dem Bau der Fundamente für den Wiederaufbau des alten Kaufmannshauses begann, um in ihm den Patio auszustellen, stieß man bei den Erdarbeiten auf die Ruinen des alten römischen Theaters.

So baute man stattdessen ein hohes Glasdach über die freigelegten Ruinen dieser antiken Stätte und der „Patio de la Infanta“ fand eine neue Heimat in der Zentrale der Ibercaja in Saragossa, wo er heute bewundert werden kann.

Die römischen Mauern

Noch heute kann man erahnen, welchen imposanten Eindruck die Stadtmauern Saragossas auf ihre Betrachter gemacht haben müssen. Hinter ihnen konnten sich die Bewohner der Stadt sicher fühlen und ihre Feinde mussten erkennen, dass sie die Stadt nur sehr schwer würden erobern können. Die heutigen Ruinen dieses einst mächtigen Schutzwalles stammen aus der zweiten Hälfte des III. Jahrhunderts, als zum ersten Mal seit Generationen wieder Feinde das römischen Reiches bedrohten und – angezogen vom seinem Reichtum – plündernd in sein Territorium einfielen.

Die Stadtmauern bildeten ein Rechteck von 900m * 540m und umschlossen so eine Fläche von 44 Hektar. Sie waren oft bis zu 7m hoch und wurden durch eine Kette von 120 halbrund gebauten Türmen verstärkt, die eine Höhe von bis zu 13m erreichten und einen Durchmesser von 8m aufwiesen.

Römische Stadtmauer in Saragossa

Römische Stadtmauer in Saragossa

Vier Tore führten in die Stadt; sie bildeten die Endpunkte der beiden Hauptachsen durch die Stadt, des Cardo (Nord-Süd-Verbindung) und des Decumanus (Ost-West-Verbindung). Durch diese Tore führten bis weit in die Neuzeit hinein die eigentlichen Zugänge in die Stadt.

Das Nordtor (Puerta del Puente) wurde im Jahr 1493 durch einen von Gil Morlanes aus Alabaster geschaffenen Engel verziert und wurde seitdem „Angel“ genannt. Während der Belagerung Zaragozas 1808 – 1809 wurde das Tor zerstört, 1860 rekonstruiert und 1867 endgültig abgerissen.

Das Osttor stand bei der Iglesia de Santa Maria Magdalena und wurde im Mittelalter „Valencia“ genannt. Das Westtor stand am Ende der heutigen Calle Manifestación und hieß „Toledo“. Das südliche Tor befand sich etwas westlich der Puerta Cinegia, dem Eingang des berühmten Tubo.

Einige Archäologen haben die These aufgestellt, dass die ursprüngliche Stadtbebauung über das von dieser Stadtmauer begrenzte Gebiet hinausragte. Vor allem in den Stadtvierteln Tenerías und San Agustin fand man bei archäologischen Ausgrabungen Überreste von Straßen und Abwasserkanälen aus augusteischer Zeit, und es gab hier wohl schon damals luxuriöse Häuser mit fließendem Wasser, Thermalbäder und Ziergärten. Caesaraugusta war reich und seine Oberschicht genoss die Errungenschaften der römischen Zivilisation.

Auch wenn im heutigen Stadtbild Saragossas nur noch so wenig an diese einst prachtvolle Stadt Caesaraugusta erinnert, begeistert mich doch mein Spaziergang entlang der „Ruta de Caesaraugusta“ immer wieder. Die großartigen römischen Museen dieser Stadt, in denen das Leben seiner römischen Bewohner und ihr antikes Stadtbild wieder lebendig werden, sind einfach ein „Muss“ für jeden an ihrer Geschichte interessierten Besucher.

Diese Begeisterung für die Stadtgeschichte Saragossas spüren bestimmt auch die Leser unseres Reiseführers „ Der Charme von Saragossa“. Ich würde mich freuen, wenn sie mit seiner Hilfe diese tolle Stadt noch ein bisschen besser kennenlernen.

Unsere Reiseliteratur:

Der Charme von Saragossa – die unsterbliche Stadt“ (erscheint im Sommer 2013) – www.summanus.es

Lissabon – die Schöne am Tejo

Lissabon – Blick auf die das Stadtviertel Alfama

Verfallende Schönheit, Cinderella City – vernachlässigt, verschmäht, marode – ; eine Geisterstadt, aber auch Westeuropas letzter Rückzugsort für Nostalgiker: der unvergleichliche Zauber, den Lissabon offenkundig auf seine Besucher ausübt, zeigt sich in den vielen Berichten und Erzählungen, die ich vor meiner Reise in diese altehrwürdige Metropole Portugals gelesen habe. Und so werde auch ich schon während meiner Busfahrt vom Flughafen entlang der Prachtstraße Avenida de Liberdade zu meinem im historischen Zentrum gelegenen Hotel in den Bann dieser faszinierenden Stadt gezogen.

Ich betrachte die alten herrschaftlichen Villen und Paläste, die heute so viel von ihrem einstigen Glanz und Prunk verloren haben. Ihr offenkundiger Zerfall, der an vielen Stellen bröckelnde Putz und ihre teils zugemauerten Fenster, sie faszinieren und erschrecken mich zugleich – sind sie doch Zeugnis des früheren Reichtums des ehemaligen Weltreichs Portugal und seiner heutigen, wirtschaftlich so tristen Gegenwart.

Von meinem an der Praça Dom Pedro IV gelegenen Hotel sind es nur wenige Schritte in die berühmten historischen Stadtviertel Chiado, Baixa und dem Barrio Alto, und so beschließe ich, noch einen Abendspaziergang zu unternehmen. Überall bietet sich mir der gleiche, mich begeisternde und zugleich melancholisch stimmende Anblick. Hinter den großartigen Fassaden der meisten dieser so imposanten historischen Gebäude scheint nicht etwa das Licht aus einer auch heute noch genutzten Wohnung. Statt dessen sind die Häuser meist unbewohnt und ihre Fenster oft mit Brettern vernagelt. Nur im Erdgeschoss finden sich kleine Geschäfte und Ladenlokale, die nun aber zur späten Abendstunde geschlossen sind.

Am nächsten Morgen schlendere ich die Rua Augusta entlang zum Ufer des Tejo. Nun haben die Geschäfte, Cafés und kleinen Handwerksläden geöffnet. Zu meiner Freude finden sich hier nur wenige Filialen der international tätigen Ladenketten, die viele Stadtzentren in Europa heute so uniform und langweilig aussehen lassen. Die Sonne scheint und trotz der kühlen Atlantikbrise sind viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Doch der geschäftige Eindruck täuscht darüber hinweg, dass der beklagenswerte Zustand ihrer historischen Wohnviertel zu einer wahren Flucht aus der Stadt geführt hat. So haben in den letzten 30 Jahren über 300.000 Einwohner Lissabon verlassen und sind zumeist in das Umland gezogen; geblieben sind oft nur alte Menschen und arme Immigranten. Während die wohlhabenderen Einwohner die attraktiven Küstenvororte wie Cascais oder Estoril bevorzugen und dort ein Eigenheim oder eine moderne Neubauwohnung bezogen haben, standen im Stadtzentrum schon 2008 über 4.000 Gebäude mit mehr als 30.000 Wohnungen leer und waren dem Verfall preisgegeben.

Heute pendeln täglich mehrere hunderttausend Menschen in die Stadt und die daraus resultierenden Folgen sind dramatisch; die täglichen Staus und die Umweltverschmutzung stellen die Stadtverwaltung vor gewaltige Herausforderungen, während ihre kommunalen Steuereinnahmen durch den Wegzug der kaufkräftigeren Bevölkerung stetig sinken.

Am Abend führt mich mein Weg in das alte jüdische Viertel Alfama, ein Labyrinth enger mittelalterlicher Gassen mit zahlreichen Kopfsteinpflastern, welches sich unterhalb des Castello de São Jorge in Richtung Tejo erstreckt. Aus kleinen Bars und Restaurants ertönt Fado, der berühmte portugiesische Musikstil, der für viele Menschen Melancholie und Sehnsucht, aber auch die Lebensfreude und Lebensironie so einzigartig ausdrücken kann, und damit so wunderbar zu dieser Stadt passt. Die überwiegende Anzahl der Gäste sind Touristen wie wir, denn auch in diesem Viertel wohnen nur noch wenige Einheimische und der kontinuierliche Verfall seiner alten Bauten ist unübersehbar.

Auf dem Rückweg zum Hotel komme ich an einem alten mittelalterlichen Stadtpalast vorbei; von seiner Terrasse aus muss der Blick auf das Lichtermeer der Stadt und die in den Hafen einfahrenden Schiffe phantastisch sein; aber auch hier wohnt niemand mehr und ich frage mich, warum der Eigentümer ein so hinreißendes Gebäude einfach verkommen lässt.

Einer der Gründe für den kontinuierlichen Verfall der ursprünglich wunderbar anzuschauenden Innenstadtviertel war der vom ehemaligen Diktator Salazar im Jahre 1947 verhängte und über Jahrzehnte gültige Stopp für Mietpreiserhöhungen in Lissabon. In Folge dessen bezahlten viele Einwohner der alten Stadtwohnungen noch 2006 mehr für ihren Strom als für ihre Miete. Es war daher für die eigentlichen Eigentümer völlig unattraktiv, ihre Häuser zu modernisieren oder in den Erhalt der Bausubstanz zu investieren; statt dessen warteten sie, bis alle Mieter aufgrund der katastrophalen Lebensverhältnisse auszogen waren oder verstarben, erst dann wurde das Haus abgerissen oder für Büroräume umgebaut.

Ende 2012 wurde das Mietrecht endlich grundlegend renoviert. Hoffentlich erwacht nun das Interesse vieler Eigentümer an ihren Wohnungen und Häusern im historischen Stadtkern wieder und dem Verfall seiner wunderschönen Architektur kann Einhalt geboten werden.

Auch die Stadtverwaltung selbst versucht seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, durch Programme ihr Stadtzentrum als ein architektonisches Kleinod zu retten. Mit Hilfe städtischer Mittel konnte einige Bauten saniert werden, die nun zeigen, was für einen einzigartigen Stadtkern Lissabon eigentlich besitzt. Die Wiederbelebung der historischen Innenstadt als Wohnviertel kann aber wohl nur gelingen, wenn sich unter den Einwohnern auch das Gefühl ausbreitet „hier lohnt es sich zu leben“.

Leider hat die Finanzkrise und der damit von EU und IWF erzwungene strikte Sparkurs der portugiesischen Regierung dafür gesorgt, das die notwendigen finanziellen Mittel für solche Massnahmen praktisch nicht mehr vorhanden sind. Auch stieg in der Folge die Arbeitslosigkeit im Land auf fast 16%, die Jugendarbeitslosigkeit sogar von 9,6% im Jahr 2000 auf über 38% im Jahr 2012. Die dadurch hervorgerufene Hoffnungslosigkeit vertreibt nun gerade die Jugend in Scharren aus dem Land und zerstört so die Grundlagen und Perspektiven für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in Portugal.

Gerade hier zeigt sich für mich die Kurzsichtigkeit, ja die Borniertheit der reinen Austeritätspolitik, die in Europa geradezu missionarisch betrieben wird.

Während ich also auf meinem letzen Spaziergang auf dieser Reise nach Lissabon zu meinem eigenen Entsetzen über die Irrwege europäischer Politik nachdenke, fallen mir auf verschiedenen leerstehenden Häusern gigantische Graffiti auf, die einige der leerstehenden Gebäude der Innenstadt verzieren. Sie sind Teil des Crono-Projektes (http://cargocollective.com/Crono/Manifesto), bei dem international bekannte Street-Art Künstler mit Unterstützung der Stadtverwaltung von Lissabon diese Gebäude in Kunstwerke „verwandelt“ haben, anstatt sie einfach dem Verfall und der Immobilienspekulation preiszugeben. Dieses Projekt dauerte vom Juni 2010 bis Juli 2011. Die Stadtverwaltung sah hierin einen Beitrag für ihre Bemühungen, das Stadtzentrum wiederzubeleben und statt Verfall und Tristesse dem Viertel ein modernes, trendiges Image zu geben.

Die Resonanz auf diese ungewöhnliche Art des Gebäudeschutzes war geteilt; während einige Kommentatoren von diesem Projekt begeistert waren, sahen andere darin lediglich eine Verschandelung der historisch wertvollen Bausubstanz durch als Kunst deklarierte „Sprühjobs“, die nur Touristen anlocken sollten und eine fehlende, nachhaltige Stadtplanung bewiesen.

Nach einer kurzen Überlegung habe ich mir meine eigene Meinung gebildet; alles ist besser als diese wunderschönen Bauten verfallen zu lassen; und warum sollen Graffiti, zumal jene von international anerkannten Künstlern, marode Gebäude verschandeln und deswegen nicht geduldet werden? Sollten auch in Zukunft nur zugenagelte Fenster und kaputte Außenwände das Stadtbild prägen?

Natürlich wäre eine umfassende Sanierung großartig, aber solange die Politik so wenig Interesse an dem Erhalt der historischen europäischen Architektur zeigt und auch die Kritiker der Graffiti keine Alternativen aufzeigen können, was spricht gegen diese künstlerische Ausdrucksform? Darüber hinaus kann man in ihren Motiven auch eine subtile Form des Protestes gegen die in meinen Augen so ignorante Politik in Europa erkennen, die dem Verfall der Kulturschätze Europas seit Beginn der Finanzkrise so tatenlos gegenüber steht, aber Milliarden an Steuergeldern zur Rettung maroder Banken zur Verfügung stellt.

Am Ende meiner Reise bin so letztendlich auch ich dem Zauber Lissabons erlegen. Ja, Lissabon ist die Aschenputtel-Stadt Europas – vernachlässigt, verschmäht, verfallen und marode. Aber gleichzeitig liebenswürdig, mit hilfsbereiten und stets freundlichen Bewohnern, die selbst in schwierigen Zeiten fast immer ein Lächeln für den Besucher übrig haben und die, wenn es nach mir ginge, eine klügere und nachhaltigere Politik für ihr Land und seine wunderbare Hauptstadt verdient hätten.

Die Burg von Requesens

 

Die Burg von Requesens

Heute ist einer dieser so wunderbaren Wintertage in Katalonien, an denen die Wintersonne golden scheint und der Himmel in tiefem Azurblau erstrahlt. Nur der Tramontana, der starke Wind, der von den Pyrenäen her kommt, lässt mich ab und zu frösteln. Dafür ist die Luft sehr klar und das durch die tiefstehende Sonne hervorgerufene Licht lässt mich begeistert zu meiner Kamera greifen.

Eine großartige Gelegenheit, einen Ausflug zu unternehmen, und so entscheide ich mich dafür, die Burg von Requesens zu besichtigen und diese großartige Landschaft zu fotografieren!

Diese alte katalanische Burg liegt am Südhang des Puig Neulós, dem mit 1256 m höchsten Berg der Serra de l´Albera. Dieses Gebirgsmassiv bildet seit dem Pyrenäenfrieden von 1659 die Grenze zwischen Frankreich und Katalonien.

Auf der Autobahn A-7 geht es von Barcelona aus in Richtung Frankreich, bis ich nach 1,5 Stunden die Abfahrt 2 – La Jonquera – erreiche. Von hier aus geht es weiter in Richtung Cantallops, einem Dorf mit gerade einmal 260 Einwohnern in der Comarca Alt-Empordà.

Diese Region ist unter anderem berühmt für ihre Weine, deren Anbau auf eine über 2000-jährige Geschichte zurückblicken kann. Die hier vorherrschende, intensive Sonne und die milden Temperaturen des Mittelmeerklimas, vor allem aber der hier regelmäßig auftretende Tramontana bildeten schon immer ideale Voraussetzungen für die Winzer, und so haben schon die Griechen und Römer hier ihre Weinreben angepflanzt. Daher halte ich in Cantallops an der Bodega Vinyes del Aspres und kaufe eine Kiste des wunderbaren Rotweins Salou. Von diesem großartigen Rotwein werden nur rund 2500 Flaschen pro Jahr abgefüllt und so ist er der ganze Stolz dieser kleinen Winzerei.

Weiter geht es auf einer kleinen Schotterpiste durch dichte Korkeichenwälder, auf deren Lichtungen ich vereinzelt einsam daliegende Bauernhöfe entdecke. Langsam schlängelt sich die Straße nun auf engen Kurven den Berg hinauf; immer wieder erhasche ich einen Blick auf die majestätisch auf einer Anhöhe liegende Burg von Requesens. Nach fünf Kilometern geht es noch ein letztes Mal steil bergauf, dann stehe ich vor dem mächtigen Burgfried und habe einen fantastischen Ausblick auf die sich unter mir ausbreitende Ebene.

Für die Besichtigung der Burg bezahle ich am Eingang zwei Euro und erhalte dafür auch einen Flyer, der die Geschichte der Burg erzählt. Erbaut wurde sie von Gausfred II, Graf von Rosselló, der von 1014 bis 1074 lebte. Seine Burg „Recosin“ lag an einem alten Verkehrsweg, von dem man über die Pyrenäenausläufer hinweg zu den Ebenen der Empordà gelangte.

Ab dem Jahr 1285 kam die Burg dann in den Besitz der alten katalanischen Adelsfamilie der Ricoberti, den Grafen von Perelada. Sie verfiel in den darauffolgenden Jahrhunderten zusehends, bis im 19. Jahrhundert Don Tomas de Rocaberti-Dameto, Graf von Peralada und Vizegraf von Rocaberti, mit der Restauration dieses alten Familienbesitzes begann. Leider verstarb er im Jahr 1898, noch bevor die Arbeiten zur Wiederherstellung der Burg vollendet werden konnten. Doch seine Schwester Dona Juana Adelaida, Gräfin von Montenegro und Peralada, setzte sein Werk fort und an St. Joan des Jahres 1899 wurde die restaurierte Burg mit einem rauschenden Fest wieder eingeweiht.

Schon einen Monat später jedoch verstarb auch Dona Adelaida. Sie vererbte die Burg an entfernte mallorquinische Verwandte, die aber kein großes Interesse an dem Besitz hatten und ihn sogleich weiterverkauften. Im bald darauf ausbrechenden spanischen Bürgerkrieg wurde die Burg geplündert; daran anschließend wurde sie von den Soldaten, die hier zur Grenzsicherung abkommandiert waren, als Baracke genutzt. Sie verließen die Burg in einem ruinösen Zustand, bevor ihr damaliger Besitzer, der Herzog von El Infantado, sie schließlich im Jahr 1942 ausräumte und an die Gesellschaft A. Bores verkaufte. Von dieser Gesellschaft ging sie dann in die Hände einer katalanischen Industriellenfamilie über. Die heutigen Besitzer bewahren nun das Schloss zumindest so, dass es wenigstens nicht mehr weiter zerstört wird.

Trotz der vielen Schäden kann der staunende Besucher dennoch, mit etwas Phantasie, die einstige Pracht erahnen, mit der Don Tomas de Rocaberti-Dameto und seine Schwester die Burg wieder hergerichtet hatten. Das Labyrinth von mauerumsäumten Gebäuden mit den sich abzweigenden großen Räumen, den dunklen Gängen und den zahlreichen Eingangstoren besteht immer noch und halb zerfallene Treppen führen zu Terrassen, die einen herrlichen Ausblick bieten. Wilde Gärten mit nun ausgetrockneten Teichen und ehemals plätschernden Brunnen lassen den Besucher erahnen, welche Idylle hier einst herrschte, bevor blinder Vandalismus und Ignoranz dieses uralte Bauwerk so verwüsteten.

Nach gut zwei Stunden mache ich mich wieder auf den Heimweg. Ich freue mich über viele gelungene Fotografien und über einen Ausflug, dessen Impressionen mich sicher noch eine Weile beschäftigen werden.

Jürgen

 

: http://www.comprendes.de/magazin/spezials/spezials-details/datum/2011/03/04/grenzfestung-und-maerchenschloss-das-castillo-requesens/

Der Herbst in Girona

Der Herbst am Ufer des Ter in Girona

Auf dem Weg nach Girona fahre ich heute entlang der Nationalstraße N-II durch den Herbstwald; die Blätter der vielen Laubbäume zeigen sich im Sonnenlicht in zahlreichen Gelbtönen; heute ist wieder einer dieser herrlichen Herbsttage hier in Katalonien. Der Himmel ist wolkenlos, das Mittelmeer schimmert tiefblau und die Luft ist nach dem Sturm und dem Regen der vergangenen Tage so klar, dass ich in der Ferne die bereits schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen erkennen kann.

In Girona angekommen spaziere ich geradewegs zum Parc de la Devesa, eine große Oase der Ruhe inmitten der Stadt. Im Park sind mehr als 250 Platanen angepflanzt, die oft über 150 Jahre alt sind. Mit einer Höhe von 60m sind sie außergewöhnlich hoch und bilden schattige Alleen, die im Sommer Kühlung und Schutz vor der Hitze des Tages bieten. Nun im Herbst sind die Blätter dieser imposanten Bäume gelb und durch ihre Kronen fällt das Licht in gebrochenen Strahlen auf die Erde. Ich genieße die Ruhe und die besondere Atmosphäre auf meinem Spaziergang durch den Park, während sich in meinem Kopf die ersten Fotomotive entwickeln.

Auf meinem Spaziergang bin ich am Ufer des Ter angekommen, der im Osten den Parc begrenzt. Am seinem Ufer stehen die Laubbäume dicht an dicht und auch sie leuchten in den Farben des Herbstes. Der kleine Fluss fließt träge und ruhig dahin und die Bäume spiegeln sich in seinem Wasser. Von einer kleinen Holzbrücke über den Fluss versuche ich diese Stimmung mit meiner Kamera einzufangen und entdecke im Vordergrund noch fast schwarz gefiederte Enten, die mein Motiv abrunden.

Angesichts der mich umgebenden Stimmung ist es kaum zu glauben, dass nur wenige hundert Meter weiter der Verkehr und die Hektik einer quirligen Geschäftsstadt toben. Nun, nach fast drei Stunden und zahlreichen Fotografien der schönen Herbstmotive packt aber auch mich der Hunger und ich gehe zurück zum Zentrum der Stadt, um bei einem Bocadillo und einem Café eine erste Sichtung der gemachten Fotografien vorzunehmen.

Auch oder vielleicht gerade im Herbst ist Girona immer wieder einen Besuch wert.

Saragossa – Schauplatz der EXPO im Jahr 2008

Vor fünf Jahren war die Stadt Saragossa Ausrichter der seit dem Jahr 1851 regelmäßig stattfindenden Weltausstellung, der EXPO. Über 1,5 Mrd. Euro investierten der spanische Staat, die Regierung von Aragonien und die Stadt Saragossa, um im Nordosten der Stadt am Ufer des Ebro eine architektonische Wunderwelt zu erschaffen.

Spektakuläre Brücken, wie die „Pasarela del Voluntariado“ des spanischen Architekten Javier Monclús wurden errichtet, um die beiden Ufer des Ebro zu verbinden und atemberaubende Ausstellungspavillons, so der „Pabellón de Aragón“ der Architekten Olano und Mendo erbaut.

Schließlich präsentierten 107 Länder auf dem Gelände ihre Ideen und Visionen um das Ausstellungsthema „Wasser und nachhaltige Entwicklung“.

Die EXPO in Saragossa symbolisiert für mich wie kaum ein anderes Ereignis in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts den Aufstieg Spaniens zu einer der führenden Wirtschaftsnationen Europas, seine Modernität und die Innovations- und Schaffenskraft seiner Architekten und Ingenieure.

Und heute – fünf Jahre nach diesem großartigen Ereignis – streife ich durch das weitgehend verlassene Ausstellungsgelände, um seine auch heute noch so beeindruckende Architektur fotografisch festzuhalten. Was ist nur aus den damaligen Träumen von der Schaffung eines neuen urbanen Zentrums in dieser fünftgrößten Stadt Spaniens geworden?

Schon die Anfahrt gestaltet sich schwierig – nirgendwo findet sich im Straßenverkehr ein Hinweisschild auf das ehemalige Gelände der EXPO, letztendlich muss ich auf gut Glück dem Ebro Richtung Norden folgen.

Ich entdecke die grün bemalten Kabinen der Seilbahn, die sich über das Gelände spannt und wundere mich, warum alle Kabinen stillstehen; später erfahre ich, dass sich ihr Betrieb aufgrund der geringen Auslastung nicht mehr lohnt.

Auf dem weitläufigen Gelände finden sich nur wenige Menschen, vereinzelte Jogger begegnen mir und ein einsamer Rollschuhfahrer dreht auf dem Platz vor dem „Pabellón de Aragón“ seine Kreise.

Viele Ausstellungspavillons stehen leer, zeigen Spuren des Verfalls und nur vereinzelt bemühen sich Bauarbeiter, die Gebäude wieder instand zu setzen.

Nur wenige Besucher finden ihren Weg in Europas größtes Flusswasser-Aquarium, ich kann nur hoffen, dass zumindest am Wochenende hier mehr Besucher angelockt werden, dieses großartige Museum hätte es verdient.

Am späten Nachmittag wandere ich langsam durch den Parque del Agua “Luis Buñuel”; eine künstliche Kanal- und Sumpflandschaft ist hier errichtet worden, durch die sich kleine befestigte Pfade ziehen. Sie laden zum Verweilen, Ausruhen und Entspannen ein, aber selbst hier begegnen mir nur wenige Menschen. Ein Bootsverleih ist geschlossen und seine bunt bemalten Boote stehen in einem sonderbaren Gegensatz zu der fast melancholischen Stimmung, in die ich angesichts der Einsamkeit dieses Ortes geraten bin.

So steht für mich heute die EXPO 2008 für die wirtschaftliche Krise, die Spanien kurz nach ihrer Veranstaltung erfasst hat. Der Niedergang der Bauindustrie, die Bankenkrise, die enorme Verschuldung Spaniens, sie haben den Optimismus und den Aufstieg des Landes ins Gegenteil verkehrt.

Die phantastische Architektur und die so gelungene Präsentation des für uns alle lebenswichtigen „Wassers“ auf diesem Gelände, sie verdienen einfach mehr Besucher und so hoffe ich, als ich schließlich am Ende des Tages den Heimweg antrete, dass unser Reiseführer über Saragossa den einen oder anderen Touristen anlockt, der ansonsten an dieser Stätte achtlos vorbeigefahren wäre.

Die Ruta de Serrablo

Auch der steile Weg zur Ermita de Susín wird uns mit einer phantastischen Aussicht auf die hohen Spitzen der Pyrinäen belohnen.

In der Umgebung des Ortes Sabiñánigo, dem Hauptort des “Alto Gállego”, befinden sich die Kirchen und Kapellen der “Ruta del Serrablo”. Hier, im historischen Herzen Aragoniens, besitzt fast jedes Dorf eine preromanische Kirche oder Kapelle aus dem X. oder XI. Jahrhundert. Wegen ihrer kulturellen und historischen Bedeutung wurden sie  1982 zum Monumento Histórico Nacional, also zum Kulturerbe Spaniens, erklärt.  Oft bilden sie heute noch das Herz und Zentrum dieser kleinen Gemeinden in der Gegend um Sabiñánigo. Auch ausserhalb dieser kleinen Dörfer findet man andere Gebäude aus dem Mittelalter, an Wegkreuzungen oder in Waldlichtungen. Sie erreicht man am besten zu Fuß entlang der unzähligen Wanderwege in dieser verträumten Landschaft.

Eine der schönsten Routen ist der Weg zur Kapelle von Santa Orosia, an dem unterwegs zahlreiche Wasserfälle und Bäche liegen.

Im Land der Burgen und Festungen

Was wäre Aragón ohne seine Burgen? Und so ist auch die Region „Los Monegros“ reich an mittelalterlichen Burgen und Festungen. Jedes noch so kleine Städtchen hier, ja jedes Dorf und jeder Weiler hat seine „Calle del Castillo“ oder eine „Plaza del Castillo“ und die Schilder am Ortseingang weisen auf eine alte Burg als Sehenswürdigkeit hin. Aber nur in wenigen Orten findet der Besucher tatsächlich eine auch heute noch existierende Burgruine vor. Oft deuten nur noch Mauerreste im Felsen, die Ruine eines Torbogens oder eine gemauerte Treppe an, dass hier in vergangener Zeit eine Burg die Einwohner der Umgebung vor Feinden schützte.

Und dennoch, der Blick von den steilen Felskuppen, auf denen diese Monumente einst standen, entschädigt oft für die leise Enttäuschung, keine prunkvolle mittelalterliche Trutzburg oder maurischen Festung entdeckt zu haben. Weit reicht der Blick in die umliegende Ebene, auf malerisch liegende Gehöfte, die in der Ferne aufragenden Bergketten und auf das zu Füßen liegende Dorf mit seiner alten Kirche.

Del antiguo castillo en Usón sólo se conservan los cimientos

Bildunterschrift: Von der alten Burg in Usón existiert nur noch das Fundament

Und mit etwas Phantasie wird der hier immer noch herumirrender Geist längst vergangener Zeiten wieder lebendig, als an diesen Orten Iberer, Punier, Römer, Westgoten und später die Mauren und Christen um die Herrschaft in dieser Region kämpften. Ihre Burgen und Festungen mögen längst verfallen sein, aber die Erinnerung an sie lebt bis zum heutigen Tag in den alten Dörfern fort.