Lissabon – die Schöne am Tejo

Lissabon – Blick auf die das Stadtviertel Alfama

Verfallende Schönheit, Cinderella City – vernachlässigt, verschmäht, marode – ; eine Geisterstadt, aber auch Westeuropas letzter Rückzugsort für Nostalgiker: der unvergleichliche Zauber, den Lissabon offenkundig auf seine Besucher ausübt, zeigt sich in den vielen Berichten und Erzählungen, die ich vor meiner Reise in diese altehrwürdige Metropole Portugals gelesen habe. Und so werde auch ich schon während meiner Busfahrt vom Flughafen entlang der Prachtstraße Avenida de Liberdade zu meinem im historischen Zentrum gelegenen Hotel in den Bann dieser faszinierenden Stadt gezogen.

Ich betrachte die alten herrschaftlichen Villen und Paläste, die heute so viel von ihrem einstigen Glanz und Prunk verloren haben. Ihr offenkundiger Zerfall, der an vielen Stellen bröckelnde Putz und ihre teils zugemauerten Fenster, sie faszinieren und erschrecken mich zugleich – sind sie doch Zeugnis des früheren Reichtums des ehemaligen Weltreichs Portugal und seiner heutigen, wirtschaftlich so tristen Gegenwart.

Von meinem an der Praça Dom Pedro IV gelegenen Hotel sind es nur wenige Schritte in die berühmten historischen Stadtviertel Chiado, Baixa und dem Barrio Alto, und so beschließe ich, noch einen Abendspaziergang zu unternehmen. Überall bietet sich mir der gleiche, mich begeisternde und zugleich melancholisch stimmende Anblick. Hinter den großartigen Fassaden der meisten dieser so imposanten historischen Gebäude scheint nicht etwa das Licht aus einer auch heute noch genutzten Wohnung. Statt dessen sind die Häuser meist unbewohnt und ihre Fenster oft mit Brettern vernagelt. Nur im Erdgeschoss finden sich kleine Geschäfte und Ladenlokale, die nun aber zur späten Abendstunde geschlossen sind.

Am nächsten Morgen schlendere ich die Rua Augusta entlang zum Ufer des Tejo. Nun haben die Geschäfte, Cafés und kleinen Handwerksläden geöffnet. Zu meiner Freude finden sich hier nur wenige Filialen der international tätigen Ladenketten, die viele Stadtzentren in Europa heute so uniform und langweilig aussehen lassen. Die Sonne scheint und trotz der kühlen Atlantikbrise sind viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Doch der geschäftige Eindruck täuscht darüber hinweg, dass der beklagenswerte Zustand ihrer historischen Wohnviertel zu einer wahren Flucht aus der Stadt geführt hat. So haben in den letzten 30 Jahren über 300.000 Einwohner Lissabon verlassen und sind zumeist in das Umland gezogen; geblieben sind oft nur alte Menschen und arme Immigranten. Während die wohlhabenderen Einwohner die attraktiven Küstenvororte wie Cascais oder Estoril bevorzugen und dort ein Eigenheim oder eine moderne Neubauwohnung bezogen haben, standen im Stadtzentrum schon 2008 über 4.000 Gebäude mit mehr als 30.000 Wohnungen leer und waren dem Verfall preisgegeben.

Heute pendeln täglich mehrere hunderttausend Menschen in die Stadt und die daraus resultierenden Folgen sind dramatisch; die täglichen Staus und die Umweltverschmutzung stellen die Stadtverwaltung vor gewaltige Herausforderungen, während ihre kommunalen Steuereinnahmen durch den Wegzug der kaufkräftigeren Bevölkerung stetig sinken.

Am Abend führt mich mein Weg in das alte jüdische Viertel Alfama, ein Labyrinth enger mittelalterlicher Gassen mit zahlreichen Kopfsteinpflastern, welches sich unterhalb des Castello de São Jorge in Richtung Tejo erstreckt. Aus kleinen Bars und Restaurants ertönt Fado, der berühmte portugiesische Musikstil, der für viele Menschen Melancholie und Sehnsucht, aber auch die Lebensfreude und Lebensironie so einzigartig ausdrücken kann, und damit so wunderbar zu dieser Stadt passt. Die überwiegende Anzahl der Gäste sind Touristen wie wir, denn auch in diesem Viertel wohnen nur noch wenige Einheimische und der kontinuierliche Verfall seiner alten Bauten ist unübersehbar.

Auf dem Rückweg zum Hotel komme ich an einem alten mittelalterlichen Stadtpalast vorbei; von seiner Terrasse aus muss der Blick auf das Lichtermeer der Stadt und die in den Hafen einfahrenden Schiffe phantastisch sein; aber auch hier wohnt niemand mehr und ich frage mich, warum der Eigentümer ein so hinreißendes Gebäude einfach verkommen lässt.

Einer der Gründe für den kontinuierlichen Verfall der ursprünglich wunderbar anzuschauenden Innenstadtviertel war der vom ehemaligen Diktator Salazar im Jahre 1947 verhängte und über Jahrzehnte gültige Stopp für Mietpreiserhöhungen in Lissabon. In Folge dessen bezahlten viele Einwohner der alten Stadtwohnungen noch 2006 mehr für ihren Strom als für ihre Miete. Es war daher für die eigentlichen Eigentümer völlig unattraktiv, ihre Häuser zu modernisieren oder in den Erhalt der Bausubstanz zu investieren; statt dessen warteten sie, bis alle Mieter aufgrund der katastrophalen Lebensverhältnisse auszogen waren oder verstarben, erst dann wurde das Haus abgerissen oder für Büroräume umgebaut.

Ende 2012 wurde das Mietrecht endlich grundlegend renoviert. Hoffentlich erwacht nun das Interesse vieler Eigentümer an ihren Wohnungen und Häusern im historischen Stadtkern wieder und dem Verfall seiner wunderschönen Architektur kann Einhalt geboten werden.

Auch die Stadtverwaltung selbst versucht seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, durch Programme ihr Stadtzentrum als ein architektonisches Kleinod zu retten. Mit Hilfe städtischer Mittel konnte einige Bauten saniert werden, die nun zeigen, was für einen einzigartigen Stadtkern Lissabon eigentlich besitzt. Die Wiederbelebung der historischen Innenstadt als Wohnviertel kann aber wohl nur gelingen, wenn sich unter den Einwohnern auch das Gefühl ausbreitet „hier lohnt es sich zu leben“.

Leider hat die Finanzkrise und der damit von EU und IWF erzwungene strikte Sparkurs der portugiesischen Regierung dafür gesorgt, das die notwendigen finanziellen Mittel für solche Massnahmen praktisch nicht mehr vorhanden sind. Auch stieg in der Folge die Arbeitslosigkeit im Land auf fast 16%, die Jugendarbeitslosigkeit sogar von 9,6% im Jahr 2000 auf über 38% im Jahr 2012. Die dadurch hervorgerufene Hoffnungslosigkeit vertreibt nun gerade die Jugend in Scharren aus dem Land und zerstört so die Grundlagen und Perspektiven für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in Portugal.

Gerade hier zeigt sich für mich die Kurzsichtigkeit, ja die Borniertheit der reinen Austeritätspolitik, die in Europa geradezu missionarisch betrieben wird.

Während ich also auf meinem letzen Spaziergang auf dieser Reise nach Lissabon zu meinem eigenen Entsetzen über die Irrwege europäischer Politik nachdenke, fallen mir auf verschiedenen leerstehenden Häusern gigantische Graffiti auf, die einige der leerstehenden Gebäude der Innenstadt verzieren. Sie sind Teil des Crono-Projektes (http://cargocollective.com/Crono/Manifesto), bei dem international bekannte Street-Art Künstler mit Unterstützung der Stadtverwaltung von Lissabon diese Gebäude in Kunstwerke „verwandelt“ haben, anstatt sie einfach dem Verfall und der Immobilienspekulation preiszugeben. Dieses Projekt dauerte vom Juni 2010 bis Juli 2011. Die Stadtverwaltung sah hierin einen Beitrag für ihre Bemühungen, das Stadtzentrum wiederzubeleben und statt Verfall und Tristesse dem Viertel ein modernes, trendiges Image zu geben.

Die Resonanz auf diese ungewöhnliche Art des Gebäudeschutzes war geteilt; während einige Kommentatoren von diesem Projekt begeistert waren, sahen andere darin lediglich eine Verschandelung der historisch wertvollen Bausubstanz durch als Kunst deklarierte „Sprühjobs“, die nur Touristen anlocken sollten und eine fehlende, nachhaltige Stadtplanung bewiesen.

Nach einer kurzen Überlegung habe ich mir meine eigene Meinung gebildet; alles ist besser als diese wunderschönen Bauten verfallen zu lassen; und warum sollen Graffiti, zumal jene von international anerkannten Künstlern, marode Gebäude verschandeln und deswegen nicht geduldet werden? Sollten auch in Zukunft nur zugenagelte Fenster und kaputte Außenwände das Stadtbild prägen?

Natürlich wäre eine umfassende Sanierung großartig, aber solange die Politik so wenig Interesse an dem Erhalt der historischen europäischen Architektur zeigt und auch die Kritiker der Graffiti keine Alternativen aufzeigen können, was spricht gegen diese künstlerische Ausdrucksform? Darüber hinaus kann man in ihren Motiven auch eine subtile Form des Protestes gegen die in meinen Augen so ignorante Politik in Europa erkennen, die dem Verfall der Kulturschätze Europas seit Beginn der Finanzkrise so tatenlos gegenüber steht, aber Milliarden an Steuergeldern zur Rettung maroder Banken zur Verfügung stellt.

Am Ende meiner Reise bin so letztendlich auch ich dem Zauber Lissabons erlegen. Ja, Lissabon ist die Aschenputtel-Stadt Europas – vernachlässigt, verschmäht, verfallen und marode. Aber gleichzeitig liebenswürdig, mit hilfsbereiten und stets freundlichen Bewohnern, die selbst in schwierigen Zeiten fast immer ein Lächeln für den Besucher übrig haben und die, wenn es nach mir ginge, eine klügere und nachhaltigere Politik für ihr Land und seine wunderbare Hauptstadt verdient hätten.